Magazin

·

Wie fotografiert man eine Krise, die man kaum sieht?

Brennende Wälder, schmelzende Gletscher: Die Bilder der Klimakrise sind oft laut und längst zu Chiffren geworden. Maximilian Mann sucht das Gegenteil. Über eine Fotografie, die den Wandel im Alltag findet.

Text: Redaktion TruePictureFotos: Maximilian Mann24. Oktober 2026 · 5 Minuten Lesezeit

Teile einer Windenergieanlage auf einem Feld, im Hintergrund ein fertiges Windrad
Alme, 25. Februar 2021
Im Sauerland wird eine Windenergieanlage aufgebaut. Um die Klimaziele zu erreichen, müsste der Ausbau erneuerbarer Energien deutlich schneller vorankommen; lange Genehmigungsverfahren und schwierige Transporte bremsen ihn. © Maximilian Mann

Die Ikonen der Krise

Wer an Bilder der Klimakrise denkt, hat schnell ein Repertoire im Kopf: der Eisbär auf der schmelzenden Scholle, rauchende Schlote, der brennende Wald, der aufgerissene Boden. Diese Bilder sind nicht falsch. Sie haben geholfen, ein abstraktes Thema überhaupt sichtbar zu machen. Aber sie haben sich abgenutzt. Wer sie zum hundertsten Mal sieht, blättert weiter.

Das Problem liegt tiefer als in der Wiederholung. Die bekannten Ikonen zeigen das Ereignis, den Moment der Zerstörung, und sie zeigen ihn meist weit weg. Den Prozess dahinter zeigen sie kaum: die langsame Verschiebung von Jahreszeiten, Wasserständen und Gewohnheiten, die sich über Jahrzehnte vollzieht und in keinem einzelnen Bild aufgeht.

Was Bilder auslösen

Wie Menschen auf Klimabilder reagieren, hat die britische Organisation Climate Outreach 2016 in der Studie «Climate Visuals» untersucht. Grundlage waren Gruppendiskussionen in London und Berlin und eine Online-Umfrage mit über 3000 Teilnehmenden in Grossbritannien, Deutschland und den USA. Daraus leitete die Organisation sieben Prinzipien für die visuelle Kommunikation zum Klimawandel ab.

Einige davon lesen sich wie eine Kritik an der gängigen Bildsprache. «Klassische» Motive wie Schlote und Eisbären lösten oft zynische Reaktionen aus; weniger vertraute Bilder könnten dagegen neue Geschichten erzählen. Echte Menschen wirkten glaubwürdiger als inszenierte Szenen. Bilder von Folgen der Krise berührten stark, sollten aber mit konkretem Handeln verbunden werden, damit sie nicht überwältigen. Und lokale, aber ernsthafte Folgen machten das Thema greifbar, ohne seine Grösse kleinzureden.

Für den Fotojournalismus ist das keine Gebrauchsanweisung, aber ein Befund: Wer die Krise zeigen will, muss die vertrauten Bilder hinter sich lassen.

Eine Reise durch ein Land im Wandel

Maximilian Mann stellt seiner Arbeit «Zwischen Hoffnung und Dystopie» eine einfache Frage voran: Wie fotografiert man eine Krise, die sich meist schleichend vollzieht? Seine Antwort ist eine Reise durch Deutschland. Er sucht nicht die offensichtlichen Bilder der Klimakrise, sondern ihre leisen Spuren, an Orten, an denen sich die Transformation des Landes ablesen lässt.

Das Land ist dabei mehr als Kulisse. Die Temperaturen in Deutschland sind in den vergangenen Jahrzehnten deutlich stärker gestiegen als im globalen Durchschnitt, schreibt Mann. Zugleich steht das Land als Industrie- und Automobilstandort vor der Aufgabe, seine Treibhausgasemissionen bis 2045 auf Netto-Null zu senken. Zwischen diesen beiden Polen, den Folgen und dem Umbau, bewegen sich seine Bilder.

Hohenpeissenberg, 19. April 2023
Michael Heinen, Wetterdiensttechniker am Meteorologischen Observatorium, kurz vor einer Ozonmessung. Die Messreihen zeigen seit Mitte der 1960er-Jahre eine Erwärmung der Troposphäre um etwa 2,6 Grad. © Maximilian Mann

Das Davor und das Danach

Da ist der Edersee in Nordhessen, aus dem ein Kran ein Schiff hebt, weil der Wasserstand für die Schifffahrt zu niedrig ist. Da sind die Dächer von Bad Bayersoien, nach einem Hagelsturm mit Planen abgedeckt. Da ist ein Wetterdiensttechniker auf dem Hohenpeissenberg kurz vor einer Ozonmessung, und eine Waldbrand-Schulung der Freiwilligen Feuerwehr in Newel.

Keines dieser Bilder zeigt die Katastrophe auf ihrem Höhepunkt. Sie zeigen das Davor und das Danach: die Vorbereitung, die Messung, die Reparatur. Die Bilder bleiben ruhig, oft fast nüchtern. Gerade darin liegt ihre Kraft. Sie lassen den Betrachtenden Zeit, selbst zu erkennen, was sich verändert hat.

Zwischen Hoffnung und Dystopie

Mann zeigt nicht nur Schäden. Im Sauerland wird eine Windenergieanlage aufgebaut, in einer Salatfabrik in Willich wachsen Pflanzen in Tiefschwimmtechnik, die rund 90 Prozent weniger Wasser braucht. Auch Protest gehört dazu: Aktivist:innen von «Ende Gelände» verschaffen sich Zugang zum Hafen von Mukran auf Rügen, um gegen den Bau eines LNG-Terminals zu protestieren. Bei Protestbildern rät die Studie von Climate Outreach übrigens zur Vorsicht, weil sich viele Menschen nicht mit Aktivist:innen identifizieren.

Die Arbeit versteht sich, so Mann, als «fotografische Reise durch ein Land im Wandel». Sie bewegt sich zwischen dokumentarischer Beobachtung und visueller Recherche und zeichnet das Porträt eines Landes «zwischen Transformation und Beharrung». Diese Offenheit unterscheidet sie von vielen Bildern der Krise. Sie entlässt die Betrachtenden weder in die Verzweiflung noch in die Beruhigung. Sie stellt Fragen, statt Antworten vorzugeben.

«Ein ruhiges und zurückhaltendes Zeugnis subtiler, aber tiefgreifender Veränderung.»

Aus dem Jurytext zum TruePicture Award 2024
Willich, 19. September 2023
In einer Salatfabrik wachsen die Pflanzen in Tiefschwimmtechnik auf Wasserbecken. Das Verfahren braucht rund 90 Prozent weniger Wasser. © Maximilian Mann

Was eine langsame Krise braucht

Eine Krise, die sich langsam vollzieht, lässt sich schwer in einem einzelnen Auftrag erzählen. Sie braucht Zeit: um Orte zu finden, um wiederzukommen, um zu verstehen, was man sieht. Die Bilder von «Zwischen Hoffnung und Dystopie» sind über mehrere Jahre entstanden.

Genau hier setzt TruePicture an. Der Verein fördert junge Fotojournalist:innen bei Langzeitprojekten mit gesellschaftlicher Relevanz, mit CHF 15’000 und 18 Monaten Mentoring. Maximilian Mann wurde 2024 mit dem TruePicture Award ausgezeichnet. Ab Februar 2027 ist seine Arbeit in der Coal Mine in Winterthur zu sehen.

Die Frage, wie man eine Krise fotografiert, die man kaum sieht, ist damit nicht beantwortet. Aber Manns Arbeit zeigt eine Richtung: genauer hinsehen, näher herangehen, länger bleiben.

Quellen

Climate Outreach (2016): Climate Visuals. Seven principles for visual climate change communication.

Maximilian Mann: Begleittext zur Ausstellung «Zwischen Hoffnung und Dystopie».

Zur Fotogeschichte

«Zwischen Hoffnung und Dystopie» →

Maximilian Mann · ab Februar 2027 in der Coal Mine, Winterthur